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Eine Abiturvorbereitung der besonderen Art – Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“, szenisch gelesen von Werner Steinmassl

Der Regensburger Schauspieler Werner Steinmassl hat am 27.10.2025 vor den Abschlussklassen des Gabelsberger-Gymnasiums Mainburg aus Karl Kraus’ monumentalem Antikriegsdrama „Die letzten Tage der Menschheit“ vorgelesen und vorgespielt – eine ungewöhnliche, aber eindrucksvolle Form der Abiturvorbereitung, die im Gedächtnis haften wird.

Kraus’ Werk, größtenteils entstanden während der Kriegsjahre des Ersten Weltkriegs, umfasst rund 220 Szenen und gilt als praktisch unaufführbar. Durch eine geschickte Szenenauswahl vermittelte Werner Steinmassl dennoch einen intensiven Eindruck davon, wie es zum Ausbruch des Kriegs kam, dass er vielerorts enthusiastisch begrüßt wurde und wie Karl Kraus als überzeugter Pazifist entschieden dagegen anschrieb. Die ausgewählten Passagen zeichneten ein beklemmendes Bild einer von Propaganda und patriotischem Taumel verführten, unterwürfigen und inhumanen Gesellschaft. Eine Szene etwa zeigt zwei minderjährige Deserteure, die laut Gesetz von der Hinrichtung verschont bleiben müssten – wobei ihr Alter kurzerhand nach oben „korrigiert“ und sie stante pede erschossen werden. Jedweder Protest bleibt aus.

Ein Großteil der Szenen ist in Wien angesiedelt, dem Zentrum der Habsburgermonarchie, sei es in Kaffeehäusern, Militärbehörden oder auf der Straße. Werner Steinmassl imitierte dabei den Wiener Dialekt der auftretenden Figuren perfekt: So glaubte man z.B. die Straßenhändler der Neuen Freien Presse, die Extraausgaben von der Front ausriefen, leibhaftig vor sich zu haben, seine eigene österreichische Herkunft kam ihm dabei sehr entgegen.

Nach 75 Minuten war klar: Auch in stark gekürzter Form entfaltet Kraus’ expressionistisches Drama, eine Großcollage aus poetischen Textsorten und Zeitdokumenten – gekonnt gelesen und durch parodistische Liedeinlagen illustriert – eine enorme Wucht. Die Schülerinnen und Schüler kamen nicht umhin, sich intensiv mit dem Kunstverständnis der Epoche und der Denkweise jener Zeit auseinanderzusetzen und wurden zudem für die zeitlosen Gefahren von Kriegsbegeisterung und Menschenverachtung sensibilisiert.

Bleibt zu hoffen, dass es hilft.

Karl Kraus selbst war vom unbelehrbaren Kriegsoptimismus seiner Zeit desillusioniert und setzte gleich zu Beginn seines Dramas den entsprechenden Ton:

„Der Optimist: Die Völker werden aus dem Kriege nur lernen —
Der Nörgler: — daß sie ihn künftig nicht unterlassen sollen.“

Text und Bild: Fiesel