SOS-Kinderdorf Campus am GGM: Eine Unterrichtseinheit zum Thema „Familie“

 

Was SOS-Kinderdorf ist, wissen die meisten – irgendwie: SOS-Kinderdorf wurde bereits 1949 von Hermann Gmeiners als nichtstaatliche und überkonfessioneller Verein gegründet mit dem Ziel, verwaisten Kindern des Zweiten Weltkriegs in sog. Kinderdörfern eine neue Gemeinschaft zu bieten, die mehr sein sollte als nur Ersatz der Familie. Mittlerweile hat sich das Konzept gewandelt, erweitert und vertieft und ist doch im Kern gleich geblieben: Verwaiste und verlassene Kinder gibt es weltweit nach wie vor, und in Europa kümmert sich SOS-Kinderdorf hauptsächlich um sog. Sozialwaisen, also Kinder, die verwahrlost sind oder deren Wohl gefährdet ist – ein immer brennender werdendes Thema in den sich zunehmend sozial polarisierenden Gesellschaften des Westens.

 

SOS-Kinderdorf Campus (https://www.sos-kinderdorf-campus.de/) hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Angebote und Botschaften von SOS-Kinderdorf in die Schulen zu tragen. So gibt es Angebote für einzelne Fachschaften (Ethik, Religion, Sozialkunde), für die Oberstufe als Projektpartner für P-Seminare und für die SMV als Partner für Spendenläufe, um nur einige Beispiele zu nennen. Dabei sollen die Jugendlichen für soziale Brennpunkte unserer Gesellschaft sensibilisiert und ihr soziales Engagement gestärkt werden.

 

Im Frühjahr dieses Jahres hatte die Ethik-Fachschaft (StR Melchior und StD Lefeber) ein Referentinnen-Tandem von SOS-Kinderdorf Campus für unsere 8. Jahrgangsstufe eingeladen. Dabei wurden immer 1,5 Klassen in zwei Parallelveranstaltungen zum zentralen Thema von SOS-Kinderdorf „Familie“ betreut. Die SchülerInnen sollten sich dabei zunächst Gedanken dazu machen, was für sie Familie bedeutet. Mit Post-it-Zetteln erstellten sie dabei ein Cluster, das von den Referentinnen Frau Schönberger und Frau Allig in zwei Abteilungen geteilt wurde: emotionale und soziale Merkmale und materielle und wirtschaftliche Merkmale von Familie, die ungefähr der Sozialisations- und wirtschaftlichen Funktion der Familie entsprechen. So standen auf der einen Seite Aspekte, wie Vertrauen, Bruder, Liebe, Sicherheit, Fallenlassen, und auf der anderen Seite Dinge, wie z.B. Taschengeld, Reisen, Essen, Fürsorge.

 

Im Anschluss daran erörterten Referentinnen und SchülerInnen den Begriff der „Kindeswohlgefährdung“. Sie ist sozusagen der Gegenbegriff und die Kehrseite des Familienbegriffs, wie ihn die SchülerInnen zuvor verstanden hatten: Familie ist hier kein Ort von sozialer Sicherheit und Zuneigung, sondern von (teilweise existentieller) Gefahr und Not. Das Bundesverfassungsgericht definiert Kindeswohlgefährdung wie folgt:

 

         „Eine Kindeswohlgefährdung im Sinne des § 1666 Abs. 1 BGB liegt vor, wenn eine gegenwärtige, in einem solchen Maß vorhandene Gefahr festgestellt wird, dass bei der weiteren Entwicklung der Dinge eine erhebliche Schädigung des geistigen oder leiblichen Wohls des Kindes mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. An die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts sind dabei umso geringere Anforderungen zu stellen, je schwerer der drohende Schaden wiegt.“

 

Welche genauen Bedrohungen dabei vorliegen müssen, klärten die Referentinnen mit den SchülerInnen: Dazu gehören auf jeden Fall dauerhafte seelische, physische und sexuelle Gewalt (durch Druckmittel, Misshandlung, Verprügeln oder Vergewaltigung), jedoch sicher auch eine dauerhafte Vernachlässigung der Kinder und ihre folgende soziale Verwahrlosung, die sich im Fernbleiben von der Schule, verwahrlosten Äußerem oder sozialer Verwahrlosung (Benimm u.a.) zeigen kann. Oft ist Drogen- oder Alkoholmissbrauch der Grund für eine Vernachlässigung der eigenen Kinder. In vielen Fällen spielt auch Überforderung oder Unwissenheit eine entscheidende Rolle. Selten ist die Kindeswohlgefährdung auf absichtliches Fehlverhalten zurückzuführen.

Da es für die verantwortlichen Jugendämter oft sehr schwer zu beurteilen ist, wie wahrscheinlich der „Schadenseintritt“ und wie hoch der Schaden zu erwarten ist, geht man nach einem Skalenmodell (Skala von 0 = keine Wahrscheinlichkeit bis 1 = sichere und/oder aktuelle Schädigung) und einem Indikatorenmodell (Gewicht, Essverhalten, Hygiene, Kleidung usw.) vor. Noch schwieriger ist für einzelne Freunde oder Bekannte zu beurteilen, wann eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Dabei sollte man nie auf eigene Faust tätig werden, sondern es sollten auf jeden Fall Experten, Eltern oder LehrerInnen eingeschaltet werden.

Erst bei einem Schwellenwert greift das Jugendamt aktiv ein. In schweren Fällen wird das Kind der Familie entzogen. Diese Kinder können dann dem SOS-Kinderdorf zugewiesen werden.

 

Abschließend wurden die SchülerInnen deswegen noch über das zentrale Konzept von SOS-Kinderdorf durch einen Film informiert. Bei den Kinderdörfern handelt es sich um Kinder- und Jugendlichen-Einrichtungen, die im Kern aus einzelnen Häusern, den Kinderdorffamilien, bestehen. Jedem Haus steht ein „Mutter“ oder ein „Vater“ vor, die sich um die täglichen Routineabläufe, aber auch das soziale Leben der Hausgemeinschaft kümmert. Ziel ist es, die Kinder zu mündigen, selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Menschen heranzuziehen. Traumatisierte Kinder und Jugendliche erhalten Betreuungsangebote wie tiergestützte Pädagogik oder Gestalttherapien. Viele „SOS-Kinder“ verbringen noch ihre Studienzeit im Kinderdorf. Die Bindung an eine Kinderdorffamilie hält in der Regel ein Leben lang.

 

Wir danken den beiden Referentinnen Frau Allig und Frau Schönberger nochmals ganz herzlich für ihren Besuch und hoffen, sie wieder nächstes Jahr begrüßen zu dürfen. Die Vertiefung der Partnerschaft mit SOS-Kinderdorf Campus über P-Seminarbetreuungen oder Spendenläufe jedenfalls ist bereits in Planung.

 

 

 

 

StR Wolfgang Melchior M.A.

 

 

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