Literarisches Lernen mit Film und Bild

Prof. Dr. Anita Schilcher, Lehrstuhlinhaberin für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur der Universität Regensburg hält Fortbildung zur Filmanalyse


Mainburg – 15.11.2017

Prof Dr. Anita Schilcher besuchte die Fachschaft Deutsch des GGM und hielt eine Fortbildung zur Filmanalyse. Das dabei vorgestellte mehrdimensionale Modell differenziert auch nach Niveaustufen und formuliert kognitiv anregende Aufgaben, die die literarische Kompetenz nicht nur auf eine reine Lesekompetenz reduzieren. Die anschließend sehr rege Diskussion zeigte, wie notwendig die sinnvolle und didaktisch-konzeptionell durchdachte Integration audio-visueller Medien im Deutschunterricht ist.

 

Im Rahmen der Fachsitzungen ist es in den letzten Jahren üblich geworden, diese mit einer Fortbildung der jeweiligen Fachlehrer zu verbinden – ein sinnvolles Unterfangen.

Nachdem in den neuen Lehrplänen (LehrplanPlus) bildlichen und filmischen Medien eine immer größere Bedeutung eingeräumt wird (bis hin zum Ersetzen von Ganzschriften durch Filme) und die Digitalisierung der Schulen diesen Prozess weiter befeuern wie auch erleichtern wird, nahm sich die Fachschaft Deutsch das Thema „Filmanalyse“ vor. Frau Prof. Schilcher erklärte sich auf Einladung StR Melchiors sofort bereit, ihre bereits im Februar 2017 an der UR angebotene Lehrerfortbildung

„(Kurz-)Filme, Werbespots und Videoclips im Deutschunterricht“ auch am GGM abzuhalten.

 

Schilchers Ansatz entstammt dem zusammen mit ihrem ehemaligen Assistenten Pissarek veröffentlichten Lehrwerk Auf dem Weg zur literarischen Kompetenz, das „ein Modell literarischen Lernens auf semiotischer Grundlage“ formuliert. Das Modell ist der Literaturwissenschaft entnommen (viel entlehnt wurde dem Strukturalismus Genettes und Lotmans) und überträgt es auf „filmische Texte“. Im literarischen Grundmodell werden folgende Dimensionen eines Textes untersucht: räumliche Strukturen und Handlungen (1), Zeitgestaltung (2), Figuren und ihre Konstellationen (3), sprachliche Abweichungen (4), die Vermittlungsebenen (= Erzähler) und Fiktionalisierungen (= Realitätsgrad verschiedener Welten) (5) sowie die Kontexte (Gattungs-, Epochen- und Kulturmerkmale) (6) eines Textes. In einem ersten Schritt werden diese Dimensionen auf Filme übertragen und ihren Codes dort zugeordnet. In einem nächsten Schritt werden den Dimensionen (schriftlicher) Texte im engeren Sinn die des Films als erweiterter Text zugeordnet und dort, wo nötig, Anpassungen vorgenommen. Vor allem tritt mit dem Bild eine neue Form von Stilmitteln auf, die einen eigenen Anspruch besitzen.

 

Schilchers Modell arbeitet mit vier Niveaustufen (die in etwa folgenden Stufen der Schule entsprechen: 5/6, 7-9, 10-11 und 12/13), für die jeweils anregende und lösbare Aufgaben angeboten werden. Neben der inhaltlichen schwingt Schilchers Modell deswegen auch noch auf einer didaktischen Achse, auf der sich in jeder Dimension (etwa Raumstruktur) vier Niveaustufen finden lassen. So lassen sich in Filmen dargestellte Räume in unteren Jahrgangsstufen noch einfach topographisch (also in Bezug auf die für die Figuren wirkliche Welt: das Weiße Haus des US-Präsidenten, die Scheune von Shawn dem Schaf) beschreiben. Auch einfache Handlungsverläufe können erkannt werden. In höheren Jahrgangsstufen können Übergänge von topographischen zu topologischen Räumen (und ihren Oppositionen von reich-arm, oben-unten) und ihren Bedeutungen analysiert werden. So kann ein Schüler der Oberstufe auch den Unterschied zwischen fiktionalisierter Welt (also die Welt der Figuren des Films) und einer fiktiven Welt (also einer Welt, die von einer Figur ausgedacht wird) erkennen.

 

Auf Niveaustufe 1, also Schüler der 5. Oder auch 6. Jahrgangsstufe, sorgte die Betrachtung des Kurzfilms For the Birds für allgemein vergnügliches Schmunzeln. Er arbeitet mit einfachen figuralen und wie räumlichen Oppositionspaaren von großen und kleinen, oben und unten, einzelner und Gemeinschaft. Auch lassen sich daran Gattungsmerkmale einer Fabel nachvollziehbar finden. Am Beispiel eines Werbespots für Mittelstufenschüler (Hornbach – Sag es mit deinem Projekt) wurde dann gezeigt, dass Schüler dieser Jahrgangs-

stufe die Figurengruppen und ihre semantischen Bewertungen (gut, böse) durch den Spot zwar gut ermitteln können, sich aber schwer tun werden, eine Interpretation vorzunehmen, also die wirkliche Message des Spots abzuleiten.

 

Für Oberstufenschüler und die entsprechenden Niveaustufen 3 und 4 waren die Analysen der Serie Homeland und des Films Das Leben der Anderen vorbehalten. Hier ändern sich Figuren über Zeitläufe hinweg so stark, dass sich nicht nur ihre Zuordnung zu Räumen und anderen Ko-Figuren ändert, sondern auch die Beurteilungskriterien selbst. So ändert sich in Das Leben der Anderen die Auseinandersetzung zwischen Künstler/Bürger vs. Staat/Stasi zu einer zwischen guten/moralischen und schlechten/amoralischen/egoistischen Menschen. Solche komplexen Änderungen zu erkennen, sei sehr schwer, so Schilcher.

 

Die anschließende Diskussion griff dann die Problematik auf, ob sich mithilfe bildlicher Medien ein literarisches Verständnis (oder literarische Kompetenz“) initiieren, verbessern oder vertiefen lasse. Zu Deutsch: Verstehen wir schriftliche Texte besser, wenn wir sie filmisch begleiten, vorentlasten, nachbereiten, ja sogar ersetzen? Skeptiker sahen den Film eher als Verdrängungsmedium und warnten vor einer Überfrachtung des Deutschunterrichts (Konzentration auf die Schrift als dessen Zentrum). Befürworter und Schilcher selbst vertraten die Meinung, dass mancher abstrakte Zusammenhang, komplexer Erzählverlauf oder sich die Instanz des Erzählers selbst sich schneller, besser und damit effizienter durch analoge filmische Beispiele erläutern lasse. Zudem vertrat Schilcher die These, dass sehr viele literarische Stoffe heute (wie auch früher in ihrer mündlichen Weitergabe von Märchen, Sagen und Legenden) weniger über schriftliche Medien, sondern nicht-schriftliche (Hörspiele, Hörbücher, Serien, Filme) zu Kindern gelangen. Diesem Trend multimedial vermittelter literarischer Sozialisation sollte man sich stellen.

 


StR MelchiorM.A.

 

 

 

 

Anita Schilcher / Markus Pissarek (Hgg.): Auf dem Weg zur literarischen Kompetenz, 3. korr. u. erg.Aufl., Bartmannsweiler: Schneider Hohengehren, 2015.

Anita Schilcher / Karla Müller: Literarisches Lernen mit Medien, in: Antolin, auf: https://www.antolin.de/leitartikel/film_1101/film_1101_literarisches_lernen.pdf

 

Fort he Birds, R: David Redinha, Prod: PIXAR, USA: 2000, Vollständiger Film: https://www.youtube.com/watch?v=WjoDEQqyTig

Hornbach – Sag es mit deinem Projekt, R: Pep Bosch, Prod: Trigger Happy Prod., Agentur: Heimat Berlin, D 2014. Ansehen (Langversion) auf: https://www.youtube.com/watch?v=6YOyqT43OYc

Homeland, Idee und Prod.: Alex Gansa et al., USA 2011 – 2017, Offizieller Trailer (engl.): https://www.youtube.com/watch?v=KyFmS3wRPCQ

Das Leben der Anderen, R und B: Florian Henckel von Donnersmarck, D 2006. Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=J3DsLPq884M

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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