Moderne Inszenierung von „Faust. Der Tragödie erster Teil“ im Wiener Burgtheater

 

Klassiker sollen langweilig sein, steinalt und staubtrocken und außerdem haben sie eh nichts mit unserem heutigen Leben zu tun, so heißt es doch oft. Auch wir, die Teilnehmer/innen der Studienfahrt nach Wien, traten der abendlichen Inszenierung von Goethes Drama „Faust“ mit gemischten Gefühlen entgegen. Als sich aber dann der rote Vorhang öffnete und das fahle Licht auf das Bühnengebilde fiel, wurden alle vorherigen Zweifel relativ schnell vertrieben. Offenbart wurde ein sich auf einer Drehscheibe befindendes Bühnenkonstrukt, das durch seine Wandlungsfähigkeit den zahlreichen höchst unterschiedlichen Szenen einen perfekten Rahmen lieferte. Aber auch an Licht- und Feuereffekten wurde sehr zur Freude der Schüler nicht gespart. Der erste Teil des Theaterstücks, die Gelehrtentragödie, setzte sich weniger aus einem zusammenhängenden Handlungsstrang zusammen, sondern schuf vielmehr mit seinen zahlreichen szenischen Darbietungen einen freien Assoziationsraum. Indem diese den Betrachtern unkommentiert vorgeführt wurden, konnte man der Interpretation freien Lauf lassen.

 

Typisch für diesen Teil der Aufführung war die charakteristische, mithilfe der Lichtverhältnisse verstärkte Schwermütigkeit und innere Leere, die einerseits Faust, andererseits aber auch die Menschen um ihn herum prägte. Um diese ergreifende Melancholie zu überwinden, versuchten die einzelnen Charaktere das Nichts mit Drogen, Alkohol, lauten Partys und sehr viel Sex zu überwinden. So tanzten sie in Ekstase zu einer fast schmerzhaft lauten Musik auf einer gefängnisähnlich umzäunten Bühnenplattform, die in ein gleißend helles, wild flackerndes Licht, von dem nicht wenige ihre Blicke abwenden mussten, getaucht war. Plötzlich wurde das Treiben durch einen Blitzeinschlag beendet; die Schauspieler standen  in der Haltung, in der sich während des Tanzes zuletzt befunden haben, bewegungslos auf der Bühne. In diesem Moment der Ruhe wurde offensichtlich, dass es sich zwar um eine Ansammlung an Personen handelte, allerdings keine Berührungen zwischen den Charakteren vorhanden waren, die auf emotionale Bindungen, Freundschaften, oder auch auf Liebe schließen lassen würden. Vielmehr wurde der Eindruck von einer durch Einsamkeit, Tristesse und Anonymität geprägten Gesellschaft vermittelt. Deplatziert erschien auch das Lied einer jungen Frau, gekleidet in einem glitzernden, kurzen Kleid. Als einzige auf der Bühne sang sie, an eine Stange gelehnt, von ihrer großen inneren Sehnsucht nach von Liebe zeugenden Küssen, was angesichts der dargestellten Umstände beinahe ironisch wirkte. Statt auf Liebe wurde der Fokus schlaglichtartig auf Fausts Begegnung mit einer Prostituierten, auf eine Affäre Fausts, sowie auf die sich danach einstellende Freudlosigkeit der beiden gelenkt. Später ereignete sich auf der Bühne eine wilde Orgie, bei der sich die Charaktere gegenseitig auszogen und ihrer entfesselten Liebe freien Lauf ließen, was als eine zeitgenössische Interpretation der ursprünglichen Walpurgisnacht aufgefasst werden kann. Der vollzogene Geschlechtsverkehr wurde allerdings nicht als ein Zeugnis aufrichtiger Liebe gewertet, sondern vielmehr von einer durch Schnelligkeit, Vergnügungssucht und Leistungsgedanken gekennzeichneten, unersättlichen Gesellschaft als ein Konsumgut betrachtet.

 

Analog zum Original konnte Mephisto dem Publikum mittels seinen von trockenem, beißendem Humor zeugenden Betrachtungen und Bemerkungen einige Lacher entlocken. Einen Unterschied zu der ursprünglichen Fassung stellte allerdings das hohe Maß an Androgynität Mephistos, der von einer Frau verkörpert wurde, dar. So verhielt sich dieser an unterschiedlichen Stellen im Handlungsverlauf entweder sehr maskulin, sehr feminin oder sein Verhalten verinnerlichte sowohl Männlichkeit als auch Weiblichkeit in einem solchen Maße, dass für den Betrachter keine Rückschlüsse über dessen tatsächliches Geschlecht möglich waren. 

 

Der zweite Teil des Dramas stellte nun die Gretchentragödie dar, die im starken Kontrast zur Gelehrtentragödie sich weitestgehend an die ursprüngliche literarische Vorlage hielt. Durch die großartige schauspielerische Leistung, allerdings auch durch die große Dramatik, gelang es den Darstellern, die emotionale Beteiligung des Zuschauers zu wecken. Einen Höhepunkt insgesamt stellten die zahlreichen Direktzitate aus Goethes Faust dar, die nun in Gretchens mit blankem Neonlicht hellerleuchteten Zimmer ihre volle Wirkung entfalten konnten. Schicksalsschlägen gleich erklang nun an inhaltlich bedeutenden Stellen auch die leidvolle Musik, die mittels ihres fatalem Charakters die drohende Katastrophe verkündete. Ferner verfielen die gebannten Zuschauer bei der Betrachtung des Niedergangs Gretchens in eine beachtliche Stille. Kurz vor dem letztendlichen Verderben verweilte die Handlung, dem ursprünglichen Drama entsprechend, für eine Weile. Dieses retardierende Moment gab einen Ausblick auf die gesamtgesellschaftliche Situation und zeigte die verheerenden Auswirkungen, die politischer Extremismus, Hass aber auch der immer weniger werdende Respekt vor anderen Menschen mit sich bringen. Gerade den in der heutigen Zeit aufkommenden anarchistischen Strömungen wurde eine klare Absage erteilt, indem zahlreiche Menschenleichen, die die Bühne übersäten, das verheerende Resultat dieser politischen Anschauungsweise verkörperten.

 

Die letzte Szene jedoch zeigte das verzweifelte, dem Tode nahe Gretchen in einer Blutlache liegen, die sich hauptsächlich um ihre Lendenregion zentriert, was deren Schuld symbolisieren sollte. Als nun Faust auf der Bühne erschien, wurde der ganze Wahnsinn, in dem sich Gretchen befand, dem Publikum offenbart. Am Ende blieb nun ein blutverschmierter Faust, bevor er von Mephisto weggeführt wurde, allein auf der Bühne zurück; in einiger Entfernung lag ein nicht minder beflecktes Gretchen.

 

Insgesamt lässt sich sagen, dass das Stück von höchster gesellschaftspolitischer Brisanz und Aktualität zeugt. Um dieses zu verdeutlichen, wurde das ursprüngliche Drama in einer drastischen Weise neu interpretiert und an vielen Stellen neu gedacht. So wurde vor allem die heutige Freiheit der Intendanten, die zahlreichen sexuellen Anspielungen szenisch darzustellen, zur Genüge ausgeschöpft. Alles in allem war es ein sehr kurzweiliger Theaterabend, der für die Teilnehmer/innen der Studienfahrt sicher zu einem größeren Verständnis der Tragödie „Faust beigetragen“ hat.   

 

Manfred Wimmer, Q12

 

 

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