Eine Sommerbowle im Residenztheater München

 

Kann ein altes, verstaubtes Werk überhaupt auf ansprechende und verständliche Weise in die heutige Zeit übertragen werden? Mit genau dieser Frage machten wir, also einige Schüler*innen aus den Deutschkursen von Frau Gastpar und Herrn Fiesel, uns mit unseren beiden Lehrkräften am 06. Dezember 2019 auf den Weg ins Residenztheater München, um uns Ewald Palmetshofers Neufassung von Gerhard Hauptmanns Drama „Vor Sonnenaufgang“ anzusehen.

Bereits zu Beginn der Vorstellung, als sich der Vorhang öffnete und der Blick auf die Bühne frei wurde, ließen wir die gesamte Welt hinter uns zurück und tauchten für die nächsten beiden Stunden in die Theaterwelt ein. Präsentiert wurde das Bühnengeschehen auf einer in hellen Farbtönen gehaltenen Szenerie, die von einem modernen sowie edlen Design geprägt war, wodurch der materielle Wohlstand der Familie Krause repräsentiert wurde. Auch die Darsteller waren allesamt hübsch, modern gekleidet und schienen mitten im Leben zu stehen. Egal, ob es sich um die anstehende Geburt von Marthas Baby, dem wirtschaftlichen Erfolg oder den scheinbar perfekten Zusammenhalt der Familie handelte, das Bühnengeschehen strotzte zunächst nur so vor Harmonie. Bei dem Zirpen der Grillen im Hintergrund wurden dem Anschein nach absolute Bagatellen thematisiert, wodurch man den Eindruck erhielt, am Beginn einer leichten, seichten Familienkomödie zu sein.

Mit steigendem Handlungsstrang wurde allerdings die anfängliche Illusionsebene Schritt für Schritt mittels einzelner Anzeichen durchbrochen. So wurde des Öfteren von unterschiedlichen Charakteren der Satz „Mir ist kalt, lass uns reingehen“ geäußert. Schnell wurde nun an dieser Stelle deutlich, dass die äußeren Umstände mit den inneren Zuständen der Figuren korrelierten. Um all das Negative aus ihrem Leben, wie ihre negativen Gefühle, ihre Ängste, zu betäuben, versuchten die Darsteller sich an etwas Materielles zu klammern. Das Haus, was in diesem Falle das Objekt ihrer Begierde darstellte, symbolisierte somit Geborgenheit, Heimat und Friedlichkeit. Omnipräsent war im Laufe des Stücks auch die Alkoholkomponente. Bei nahezu allen Gelegenheiten, ob alleine oder in Gemeinschaft, wurde Alkohol konsumiert, wodurch schnell offensichtlich wurde, dass es sich hierbei um eine ungute Beziehung der Menschen zu dem Stoff handelte. In starkem Unterschied zum Original stellte der Alkohol dennoch nicht die Ursache für das Leid der Menschen dar, sondern lediglich den verzweifelten Versuch, die innere Leere der Figuren zu übertönen.

Eine weitere Komponente des Stückes waren die häufigen Streitigkeiten, die von Ehestreitigkeiten über Geschwisterrivalitäten bis hin zu politischen Differenzen reichten. Dringlichkeit erhielt diese Durchbrechung der ursprünglich harmonischen Grundstruktur, indem sie offenbarte, dass es sich bei der Liebe zwischen den Figuren lediglich um eine vorgetäuschte Erscheinung handelte. Vielmehr verspürte beinahe ein jeder eine Art ätzenden Nihilismus, den allerdings viele nicht wahrhaben wollten. Um den beinahe schon endgültig zerstörten Schein dennoch auf eine Weise zu erhalten, bemühte sich die Mutter und Hausfrau Anni ein perfektes Familienessen zu organisieren, was trotz aller Bestrebungen krachend scheiterte, da zahlreiche Familienmitglieder nicht erschienen. Überhaupt wurde die eigene Persönlichkeit laufend sehr stark überbetont, wodurch auf die Negativaspekte der fortschreitenden Individualisierung angespielt werden konnte. Charakteristisch für den Naturalismus wurde nun das Kollektiv anstatt des Individuums in den Fokus gerückt. Die Gemeinschaft, der sich die Individuen in einem gewissen Maße unterordnen sollten, wurde als Kern einer jeden funktionierenden Familie begriffen. Daraus resultierte nun die erschreckende Erkenntnis, dass es sich nach dieser Definition um keine wirkliche Familie handeln konnte, was dennoch nur wenige der Figuren erkannten. Eine dieser wenigen stellte etwa Helene dar, die sich im Laufe des Stückes mehrmals von ihrer Familie abzugrenzen versuchte. Trotz ihres häufigen Ausspruchs „Ich wohne nicht hier“ gelang es ihr nicht, sich von ihren Verwandten loszulösen, woraus sich eine Art innere Resignation entwickelte. Die Verachtung, die ihr selbst, aber auch ihrer Familie galt, mischte sich nun mit dem Gefühl von Wut und Enttäuschung über ihre eigene Abhängigkeit.

In einer politischen Diskussion zwischen Alfred Loth und Hoffmann, welches den absoluten Höhepunkt des Dramas markierte, wurde nun auch die essentielle Frage des eigentlichen Leides der Menschen offenbart. Alfred Loth symbolisierte nun den Sozialismus, der ein weites Spektrum ökonomischer Theorien sozialer Organisation umfasst. Durch einen kollektiven, also gemeinschaftlichen Besitz, gepaart mit politischer Administration durch den Staat, sollte nun eine egalitäre Gesellschaft angestrebt werden, die von absoluter Gleichheit geprägt ist. Loths eigene Vorstellungen wurden im Laufe des Gesprächs nie eindeutig konkretisiert, sondern von Hoffmann lediglich unter dem Begriff „links“ zusammengefasst. Eben jenen Begriff dämonisierte Hoffmann, der den Neoliberalismus repräsentierte, beinahe mit äußerster Verachtung, die er seinem alten Studienfreund sowie seinen politischen Idealen entgegenbrachte. Der Neoliberalismus setzt im Gegenzug zum Sozialismus auf die Betonung des Individuums, der Freiheit und der Selbstentfaltung eines jeden Menschen und fordert eine Begrenzung staatlicher Eingriffe auf ein absolutes Minimum. Als neoliberale Maxime wird in der heutigen Zeit oft die größtmögliche unternehmerische Freiheit angeführt. Nachdem zunächst beide politischen Ideen beinahe gleichberechtigt einander gegenüber gestellt wurden, erfolgte dennoch bald eine eindeutige Positionierung zugunsten des Sozialismus. Durch das Fehlen der Gemeinschaft, der sozialen Sicherheit, aber auch durch den Reichtum wurde die gesamte Familie Krause ins Elend gestürzt, ohne dass diese die Hintergründe zu ihrem Unglück erkannt hätten. Insgesamt wurde dieser Konflikt auch nur implizit durch Andeutungen thematisiert.

Beide Strömungen haben ihre Ursprünge im 19. Jahrhundert, sind allerdings gerade in der heutigen Zeit besonders bedeutend. So vertritt etwa Donald Trump eine äußerst neoliberale Agenda, die der demokratische Sozialist Bernie Sanders, einer der aussichtsreichsten Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2020, auf Schärfste kritisiert. Auch in der vergangenen Unterhauswahl in Großbritannien spielte dieser Gegensatz eine zentrale Rolle. Dem Neoliberalisten Boris Johnsons stand auch in diesem Fall ein demokratischer Sozialist gegenüber, nämlich Jeremy Corbyn. Somit kann man sagen, dass beide Strömungen bis in die heutige Zeit über zahlreiche Anhänger verfügen, die sich nicht immer positiv gegenüberstehen.

Doch wie äußerte sich das Elend nun in der Familie Krause?

Zunächst spürten alle Mitglieder eine Art innere Verzweiflung, die sich über Angstzustände und einer allgemeinen Traurigkeit bis hin zu einer schweren Depression gipfelte, unter welcher etwa Martha sehr stark litt. Trotz ihrer Krankheit war sie allerdings dennoch nicht bereit ihr Leben gravierend zu ändern. Vielmehr genoss sie die erhaltene Aufmerksamkeit und verströmte somit fast das Gefühl, gerne depressiv zu sein. Neben dem Alkohol stellte vor allem die anstehende Geburt eine Bemühung dar, das innere Nichts zu betäuben und dem Leben endlich einen Sinn zu geben. Einem Pappkarton, in dem sich ein Maxi-Cosi befand, kam im Handlungsverlauf eine zentrale Bedeutung zu. Offensichtlich wurde dies durch die permanente Präsenz des Gegenstands auf der Bühne. Durch dessen verpackten Zustand spiegelte er die Vorfreude der Menschen auf das kommende Ereignis wider. Spätestens durch die Todgeburt wurde allerdings klar, dass diese Hoffnung und damit Marthas gesamte Lebenseinstellung von vornherein zum Scheitern verurteilt sei. Dies kann als ein typisches Charakteristikum des Naturalismus gewertet werden, da der Mensch aufgrund des Determinismus nicht aus diesem Teufelskreis ausbrechen kann und somit seinem Schicksal ausgeliefert ist.

Am Ende des Stückes wurde nun das zunehmend gleißend hell werdende Licht auf die Zuschauer gerichtet, da es nun an ihrer Stelle liegt, sich kritisch mit dem eigenen Leben, den gesellschaftlichen Zuständen sowie unterschiedlichen politischen Ideen auseinanderzusetzen.

Insgesamt lässt sich der intensive Theaterabend als eine Sommerbowle beschreiben, deren sommerlich-fruchtigen Geschmack man zu Beginn am stärksten wahrnimmt. Je mehr man allerdings konsumierte, desto stärker spürte man nun auch die eigentlich bedeutende Komponente. Teilweise wurde nun der anfänglich so harmlose Charakter komplett aufgehoben, und am Ende blieb ein dröhnendes Gefühl zurück. Sicherlich ein nettes, gut inszeniertes Theaterstück, das allerdings keine Weltklasse war, wie etwa der eher zurückhaltende, mäßige Applaus vermuten ließ.

 

Manfred Wimmer, Q12, D3

 

 

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