„Ein saulustiger Abend mit ernster Message“


„Die letzte Sau“ im Theater am Haidplatz mit der 10a


Es ist Sommer. Ein blutroter Sonnenuntergang verleiht dem gemütlichen Ambiente des Dorfgrillfestes einen bilderbuchähnlichen Charakter. In Gesellschaft unserer Freunde und Nachbarn genießen wir unser saftiges Medium-Steak ohne weitere Bedenken. Aber wie verbrachte eigentlich das Schwein, dessen Fleisch wir hier so bedenkenlos essen, sein kurzes Leben? Musste es zusammengepfercht mit hundert anderen seiner Art ohne jeglichen Zugang zu frischer Luft sein qualvolles Dasein fristen? Oder konnte es sich den ganzen Tag mit einer Hand voll Artgenossen auf einer Wiese im Dreck suhlen und sein artgerechtes und wesentlich längeres Leben genießen?

 

Genau mit diesem Thema beschäftigt sich die Uraufführung des Theaters „Die letzte Sau“, eine Adaption des gleichnamigen Films nach dem Drehbruch von Aaron Lehmann und Stephan Irmscher. Unter der Regie von Julia Prechsl wird die Handlung des Films in den bayrischen Sprachraum zum kleinen Hof vom Bauer Huber, gespielt von Jonas Hackmann, verlegt, bei dem im Moment alles den Bach runter geht. Seine kleine, aber feine und noch, wie seine Freundin Birgit meint, persönliche Landwirtschaft kann mit den riesigen Agrarbetrieben, die nahezu einer Fleischfabrik gleichen, nicht mehr mithalten, die Bank erklärt ihn offiziell für pleite, sein bester Freund Willi begeht Suizid nach dem missglückten Versuch eines Banküberfalls und schließlich verlässt ihn seine geliebte Birgit (Verena Maria Bauer), um in Brandenburg den überdimensionalen Schweinemastbetrieb ihres Vaters zu leiten. Als wenn das schon nicht genug wäre, zerstört schlussendlich noch ein Meteorit sein gesamtes Anwesen – nur eine einzige,die letzte Sau bleibt ihm noch. Mit ihr schwingt er sich auf sein Moped, um in einen anarchistischen Aufstand gegen die Agrargroßbetriebe, gegen die unwürdige Massentierhaltung und selbst gegen die zerstörende Kohleindustrie zu ziehen mit der Endstation Brandenburg. Dort will er seine einzige Liebe Birgit zurückgewinnen.

 

Die Verlegung der oberen Handlung in das bayerische Land ermöglicht es, dem Ganzen eine vertraute, ja fast schon heimliche Note zu verleihen, wodurch es dem Zuschauer mit Leichtigkeit gelingt, sich in die Szenerie hineinzuversetzen. Hierbei kommt einem beispielsweise der gemütliche Bier-Abend mit den Hofnachbarn oder auch das „Jeder kennt jeden“ Szenario in einem kleinen Dorf äußert bekannt vor. Dazu tragen auch die gesungenen, bayerisch gefärbten Rio-Reiser-Songs bei, die von einer Zwei-Mann-Band interpretiert werden und die eine gemütliche und heitere Stimmung sichern. Die vierte Wand zwischen den Schauspielern und dem Publikum wird dann endgültig durchbrochen, als von den Darstellern Bier in den Zuschauerrängen verteilt wird. „ Einfach ein saulustiger Abend mit ernster Message“ – so könnte man die Aufführung auch bezeichnen, denn bei all dem Spaß und den Scherzen, verliert das Theater die wichtigen Messages hinter dem Geschehen nicht aus den Augen. Ganz im Gegenteil, diese werden, wenn auch nur durch kurzes Anschneiden, überzeugend und ausdrucksstark vermittelt. Immer wieder sprechen die Akteure mit eindringlichen und ernsten Gesichtern gemeinsam laut im Chor, dabei werden dem Theaterbesucher nicht nur verständlich verschiedene Handlungsstränge, die nicht auf der Bühne dargestellt werden können, erklärt, sondern es wird auch nochmal auf direkte Leitsprüche, wie „So geht’s nicht weiter!“, verwiesen, die dem Betrachter die Ernsthaftigkeit der behandelten Themen nahe legen. Auf diese Weise wird sowohl an die Achtung der Würde der Tiere, als auch an die Unterstützung der kleinen Landwirte in Zeiten der billigen Produkte aus den Tierwohl verachtenden Fleischfabriken appelliert. Nochmals betonend unterstrichen wird dies durch atemberaubende Spezialeffekte, die ein nie langweilig werdendes Bühnengeschehen liefern, und durch rundum talentierte Schauspieler. Diese übernehmen meist mehrere Rollen, so wird beispielsweise der Metzger zur letzten Sau oder die bayerisch sprechende Birgit zur gnadenlosen „Preißen“- Bankerin, wie der Bayer sagen würde. Eine reine Meisterleistung. Zudem singen oder spielen die Allroundtalente Instrumente selbst. Außerdem wird im ganzen Stück kein Blatt vor den Mund genommen und auch nicht vor diverse andere Teile des Körpers, was den Wunsch nach Anarchie, Freiheit und Selbstbestimmung vom weniger gesprächigen, aber durchaus sympathischen Helden Bauer Huber noch deutlicher macht. Am Schluss seiner Heldenreise erkennen er und seine Birgit zwar bloß, dass „des eh ois a Scheißdreck is“, aber das Stück schafft es zusammenfassend, seine Besucher sowohl mit der urkomischen, bayerischen Handlung zu unterhalten, als auch mit  einem freiheitskämpferischen Zug des scheinbar kleinen Bauern, hinter dem doch so viel mehr steckt, zu überzeugen. Denn am Ende des Abends stellt sich doch so manch einer die Frage, ob man nicht doch mehr auf die Herkunft und auf den Preis seiner Fleischprodukte achten sollte, denn wie uns „Die letzte Sau“ zeigt, haben auch Tiere eine Würde und ein Recht auf ein artgerechtes und saugutes Leben.

 

 

Luisa Hofbauer, 10a

 

 

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