Kafkaesk, Herr Steinmassl, kafkaesk …

 

Über die menschlichen Abgründe eines Affen. Soloschauspieler Werner Steinmassl inszeniert Kafkas Parabel „Ein Bericht für eine Akademie“ am GGM

Der in Regensburg lebende, gebürtige Österreicher Werner Steinmassl hat am Gabelsberger-Gymnasium Mainburg Franz Kafkas satirische Parabel „Ein Bericht für eine Akademie“ (1917) gespielt. Drei Kurse der Oberstufe waren beeindruckt von seiner Verkörperung des „Affen Rotpeter“, der darin von seiner Menschwerdung berichtet,  ja nachgerade fasziniert vom fließenden Übergang des „Noch-Tierischen“ ins „Schon-Menschliche“, das der Künstler virtuos beherrschte. Und sie waren verwirrt von der Komplexität des Stückes, das einen ratlos zurücklässt. Ein „Kafka“ eben.

 

Die äußere Handlung des „Affen Rotpeter“ ist schnell erzählt. Für den Hagenbeckschen Zoo in Afrika eingefangen und dazu bestimmt zwangsweise vor Menschen ausgestellt zu werden, erkennt der Protagonist bald, dass er diesem Schicksal nur entgehen kann, wenn er seine Affennatur verleugnet und versucht selbst Mensch zu werden. Das gelingt ihm und seine Bühne ist fortan das Varieté, wo er seine Verwandlung freiwillig zur Schau stellt und damit ein gutes Auskommen hat.

 

Doch Kafka wäre nicht Kafka, bliebe es bei dieser einfachen Verkehrung der Perspektive aus der vielleicht bekanntesten Parabel dieses Klassikers der Moderne: „Die Verwandlung“. Hier wird ein junger Mann über Nacht zu einem Käfer, um sich Ansprüchen zu entziehen, die eine als feindlich erlebte menschliche Umwelt an ihn heranträgt. Diesmal also die Verwandlung eines Tieres in einen Menschen, um in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Zum Entsetzen des Publikums gelingt diese Anpassung nur durch die Übernahme geradezu tierischer Verhaltensweisen des Menschen: Der Affe lernt zunächst immer und überall auszuspucken, sogar dem Nächsten ins Gesicht, und seine „Menschwerdung“ ist bezeichnenderweise erst dann abgeschlossen, als es ihm erstmalig gelingt, seinen Ekel vor Hochprozentigem zu überwinden und sich mit einem „Hallo!“ dem Suff hinzugeben: „Hört nur, er spricht!“, johlt es begeistert an dieser Stelle, und Steinmassl lässt den Affen hier Verbrüderungslieder mit seinen menschlichen Häschern anstimmen, die er zunächst den Fangesängen aus einem Fußballstadion annähert, um schließlich sogar nationalistische Töne anzudeuten. Damit gelingt dem Schauspieler eine beeindruckende Aktualisierung des rund 100 Jahre alten Stückes, indem er auf die gerade von vielen geforderte Assimilation der Flüchtlinge anspielt. Der Werdegang des Affen macht allerdings deutlich, dass die von ihm als Ausweg begriffene Anpassung an die Gesellschaft gleichzeitig als Selbstaufgabe zu begreifen ist, als Aufgabe dessen, was ihn anders und einzigartig gemacht hatte.

 

Doch Kafka wäre noch immer nicht Kafka, würde er diese Selbstaufgabe und die Forderung danach plakativ verurteilen. Denn eine Alternative zeigt er nicht auf. Ja, die am Horizont aufscheinende mögliche Freiheit in Form einer Flucht (aus dem Käfig der Sozietät) wird mehrfach abgewiesen. „Kein Ausweg“ lautet deswegen das Credo auch dieses verwirrenden Kafka-Stückes und dieses wurde ganz klar. Werner Steinmassl hat es in einer beeindruckenden, teilweise fast Schmerzen verursachenden schauspielerischen Leistung aufgedeckt: Es scheint unmöglich in Gemeinschaft zu leben und gleichzeitig man selbst zu bleiben. Kafkas „Affe“ gibt hier Schopenhauers „Stachelschweinen“ die Hand. Das tut weh!

 

 

 

StD Erwin Fiesel

 

 

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