Poetry Slam der Klasse 9A

 

Eine Vorleseaktion der besonderen Art ließen sich die Schüler der Klasse 9A von Frau Spreider und zwei Schüler des Q12-Kurses von Frau Gastpar zum bundesweiten Vorlesetag am 16.11.2018 einfallen.

 

Die Abiturienten Elena Peter und Christian Aurin, die beide im Rahmen des P-Seminars „Literaturtage“ an einem Workshop von Teresa Reichl teilgenommen hatten und auch beim Poetry-Slam Abend am GGM (25.10.2018) mit eigenen Texten aufgetreten waren, leiteten während einer Deutsch-Stunde die Neuntklässler dazu an, eigene Vortragstexte zu verfassen. Vorgegebenes Thema war „Zeit“.

 

Zu Beginn des Workshops wurden gemeinsam in einem Mind-Map an der Tafel Begriffe Rund um „Zeit“ gesammelt. Anschließend teilten die zwei Oberstufenschüler den erstaunten Mittelstuflern mit, dass sie genau diese Begriffe beim Erstellen ihrer Poetry-Slam-Texte NICHT verwenden durften. Trotz – oder wegen? - der schwierigen Aufgabe schrieben die Schüler der 9A kreative, tiefsinnige und nachdenkliche Texte. Die besten acht Werke, darunter zum Beispiel Geschichten und Gedichte, durften die jeweiligen Autoren im Q12-Kurs am Vorlesetag vortragen. Ihr Ideenreichtum wurde mit einem kräftigen Applaus belohnt. Einige junge Schriftsteller gaben an, das Schreiben weiter zu verfolgen.

 

 

Zwei Kostproben

 

Emilie Grothe: Sanduhr des Lebens


Ich sitze schon seit einer Ewigkeit hier und sehe Sandkorn um Sandkorn in einem scheinbar unermüdlichen monotonen Prozess zu, wie sie oben liegen und dann jedes Sandkorn durch eine schmale Öffnung nach unten rinnt, einen Flug antritt und losgelöst, nur von der Schwerkraft zum Fall angetrieben, sich dann letztendlich am Boden niederlegt.

Und ich sitze hier, hinter dem Glas, fernab von diesem Geschehen und sehe zu, wie Sandkorn um Sandkorn in einem scheinbar unermüdlichen monotonen Prozess nach unten fallen. Ich sehe, wie jedes Korn einzeln seinen Weg nach unten antritt. Ich sehe, wie sie ungehindert nach unten rinnen, und auch, wenn ich wollte, könnte ich meine Hand nicht ausstrecken um ein Sandkorn aufzufangen, um ihr Szenario des losgelösten Falles hinauszuzögern.

Ich kann nur dasitzen und zusehen, wie Sandkorn um Sandkorn in einem scheinbar unermüdlichen monotonen Prozess nach unten fallen. Ich bin machtlos gegen diesen Vorgang.

Und ich sehe verpasste Chancen, leere Hoffnungen, bittere Verluste und im Keim erstickte Bemühungen.

Dies alles macht mich extrem traurig, doch ich bin machtlos. Unfähig ein Korn wieder aufzuheben um es nochmals nach unten rieseln zu lassen in der Absicht, ihren Fall diesmal besser zu nutzen, wenn ich es doch nur nochmal wiederholen könnte. Doch dies ist unmöglich, denn wenn ein Sandkorn einmal unten ist, ist es für immer verloren.

Tränen der Verzweiflung und Hilflosigkeit füllen meine Augen, Ich sehe unzählige, verpasste Chancen, verworfenen Ziele, erloschene Träume, vergangene Freundschaften und eine Vielzahl von ungenutzten Möglichkeiten.

Diese Sandkörner am Boden liegen haben alle Farben, sie spiegeln die Erfahrungen und Emotionen ihrer Riese wider. Ein bunter Wirrwarr liegt am Boden des Sandglases.

Ich sehe nach oben, mit der Hoffnung Farben wie saftiges Grün, Saphirblau, Himmelblau, Goldgelb, Orchideerosa oder ein Smaragdgrün zu erspähen. Weil sie Glück und neue Chancen bescheren. Doch die Körner sind farblos.

Sie erhalten ihre individuelle Farbe erst mit dem Aufprall auf dem Boden, nach ihrem Flug.

Dies gibt die Möglichkeit sie eigenständig zu färben. Kein Sandkorn ist voreingenommen oder hat Vorurteile, es gleitet als neue Chance durch die schmale Öffnung. Eine neue Chance, die man nutzen kann.

Ich sitze immer noch hier hinter dem Glas und sehe Sandkorn um Sandkorn in einem scheinbar unermüdlichen monotonen Prozess nach unten fallen.

Doch ich lächle und stehe auf, ich möchte nicht länger tatenlos dasitzen und den Sandkörnern beim Rieseln zusehen. Ich stehe auf, weil ich nicht mehr warten will. Ich stehe auf, weil ich dies schon viel zu lange getan habe.

Und somit stehe ich auf, um meine Sandkörner zu färben, solange bis das letzte Sandkorn seinen Weg nach unten nimmt, um sich dann, in einer goldenen Färbung zur Ruhe zu legen und die Sanduhr des Lebens als abgelaufen zu erklären.

 

 

Jessica Gratzer


Ich warte darauf, auf das, was mit mir passiert, was mir zustößt

Tugend

Traurigkeit

Tod

Doch wann werde ich das alles erfahren?

Nächste Woche? Oder erst in ein paar Jahren?

Gibt es ein Ziel, an dem ich mich orientiere, oder ist es vorauszusehen?

Es gibt tausend geplante Geschehen, doch, kannst du vergehen?

Unsere Technik und Wissenschaft sind hoch entwickelt. Wir haben Informationen über das Weltall, über vergangene Geschichte, doch diese Fragen bleiben unbeantwortet. Du bist ein Buch, das sich nicht öffnen lässt.

Du schenkst mir Situationen, in denen ich glücklich und nicht alleine bin, in denen ich über das ganze Gesicht strahle und vor Lachen keine Luft mehr bekomme, aber auch ich werde verlassen, im Stich gelassen und kann dich nicht hassen.

Mal rennst du mir davon wie eine gejagte Maus, mal lässt du auf dich warten, als hättest du schwere Gewichte zu tragen. Manche Menschen sind zu langsam um mit dir zu laufen und du lässt sie einfach ohne Rücksicht stehen.

Trotz all dem wirst du unter einem Begriff zusammengefasst.

Ich halte dich fest, mit allen Mitteln und aller Kraft, du gerinnst wie Sand durch meine Hand und letztendlich bleibt nur der Gedanke an dich.

 

 

 

 

V. Gastpar

 

 

Zurück zur Startseite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


© 2018 Gabelsberger-Gymnasium Mainburg.    Alle Rechte vorbehalten.    Impressum