„Nathan der Weise“ in Landshut - das muss man sehen

Inszenierung von Claus Tröger verblüfft Schülergruppe des GGM auf ganzer Linie

 

Landshut ist nah und für die Sonntagsvorstellung waren noch Plätze frei. Da sage noch einer, es gäbe keine engagierten Schülerinnen und Schüler mehr: In kurzer Zeit war der Kleinbus voll und ab ging es ins Theater-Zelt, um Gotthold-Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ (1779) zu sehen! Ein Klassiker in den Klassenzimmern und auf den Bühnen Deutschlands, der, obgleich seit Generationen besprochen und bespielt, nichts von seiner Faszination eingebüßt hat.


Der „Nathan“ gilt als die Parabel von der Gleichwertigkeit der Religionen schlechthin. Eine begrenzte Aktualität war von daher nie das Problem des Stückes, insofern zu allen Zeiten die Gefahr bestand und bis heute besteht, lieber Mitglied einer Kulturgemeinschaft oder gar „Volk“ als „Mensch“ sein zu wollen. „Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen.“ lautet der Vorwurf, den Sittah stellvertretend vorbringt und der bis in die Gegenwart dazu führt, dass z.B. die Integration, die von Zuwanderern gefordert wird, nicht selten mit der Hoffnung auf kulturelle Assimilation derselben verwechselt wird.

 

Bleibt die Frage, ob das zeitlose Stück auch zeitgemäß inszeniert wurde: Es wurde. Dabei ist erstaunlich, dass dies gelingen kann, auch wenn man der Sprache Lessings bis ins Detail treu bleibt; sie setzte eben Standards, die bis heute gelten. Auch die Requisite mit Chanel-Tüten, Teddy-Bären, den vielen Handys des geschäftigen Schatzmeisters und ein Herrscher-„Paar“ - Saladin und seine Schwester Sittah - das zu Prototypen einer glamourösen Schickimicki-Welt ausstaffiert wurde, waren in sich stimmig und können - wie beispielsweise auch die Knall-Effekte des schießwütigen Sultans und der doch etwas unmotivierte Disko-Lärm am Schluss - als harmlose und letztendlich belanglose Zugeständnisse an den Zeitgeist abgetan werden. Die ebenso geniale wie diskussionswürdige Idee der Inszenierung liegt vielmehr in der konsequenten Herausarbeitung der zeitlosen Diskrepanz von momenthaftem Erkennen dessen, was richtig ist, und der Herausforderung, auch dauerhaft danach zu handeln und eben nicht ins Triebhafte zurückzufallen. Das relativierte den utopisch-märchenhaften Anspruch des Originals etwas und förderte letztendlich eine gewinnbringende Auseinandersetzung damit: So wurde dem Sultan Saladin gerade noch durch die von Nathan erzählte Ringparabel auf intellektueller Ebene ein „Der Mann hat Recht.“ zugunsten religiöser Toleranz abgerungen, schon fällt er wieder in die Muster seines Machtmissbrauchs zurück, indem er ungehalten droht, sexuell belästigt und wütend um sich schießt. Und selbst der Klosterbruder, bei Lessing eine bis zum Äußersten idealisierte Gestalt, die - scheinbar ohne jedwedes allzu menschliche Bedürfnis - nur der Wahrheitsliebe und der Nächstenliebe lebt, zeigt sich hier beizeiten mit dem Flachmann in der Hand und voller Gier nach Geld. Erstaunlich, dass die Textgestalt das hergibt, aber sie tut es. Den Rest erledigten die Schauspieler nonverbal auf höchstem Niveau. Schade, dass dabei so viele Plätze frei geblieben sind!

 

 

 

 

Text und Foto: Erwin Fiesel, StD


 

 

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